#Erbschaftssteuer: Österreich, das Land der millionenfachen Millionenerb:innen?

So, wie in den letzten Wochen die Diskussion um eine faire Besteuerung von Superreichen teilweise geführt wurde, konnte man fast den Eindruck gewinnen. Jede/r meinte jemanden zu kennen, der betroffen sei (manchmal auch er/sie selbst). Weil angeblich Erbschaften – überwiegend Häuser oder Grundstücke – in Millionenhöhe zu erwarten wären.

Und anbetrachts der Tatsache dass jede/r meint, jemanden zu kennen, den es treffen würde, wäre das eben keine Steuer auf Superreichtum, sondern würde tief in die Mitte gehen. Glaubt man zu wissen. Sagt eine/m zumindest das Gefühl. Nur: Gefühle können bekanntlich täuschen. Was sagen die Fakten?
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Die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) erhebt regelmäßig im Rahmen der HFCS-Studie – aus der die Grafiken in diesem Beitrag stammen – die Vermögensdaten in Österreich. Die Ergebnisse sind dabei recht eindeutig: Vermögen ist Österreich höchst ungleich verteilt. Vermögen ist in Österreich besonders stark konzentriert. Und das Gefühl millionenfacher Millionär:innen und sich daraus ergebender Millionenerb:innen täuscht. Und zwar gewaltig.
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Zu den Zahlen ganz konkret: über ein Nettovermögen – also ein Vermögen abzüglich Schulden – von über 1 Mio. Euro verfügen in Österreich nur etwas mehr als 5 % der Haushalte. Von einer Erbschaftssteuer mit einem Freibetrag von 1 Mio. Euro je Erben/in kann eine breite Mitte erst gar nicht betroffen sein, weil die erst gar nicht auf ein Vermögen von 1 Mio. Euro kommt. Über eine Millionen Euro Netto-Vermögen – das haben eben nur die rund Top-5 % an der „Spitze“. Das mittlere Vermögen über alle Haushalte gerechnet, das liegt bei rund 340.000 Euro – zur Erinnerung: gerade einmal ein Drittel des Steuerfreibetrags beim Grünen Erbschaftssteuermodell.
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Grafik aus Präsentation der HFCS-Daten, erhoben von der OeNB. Schön ersichtlich: Das „mittlere“ Nettovermögen (50 % erben mehr, 50 % erben weniger) liegt bei rund 340.000 Euro je Haushalte, bei den einkommensärmsten 50 % der Haushalte bei etwas über 100.000 Euro. Erst die obersten rund 5 % der Haushalte besitzen einen Nettovermögen (rund 1,2 Mio. Euro) ab dem eine Erbschaftssteuer nach grünen Modell  schlagend werden könnte.  Realistischerweise fällt eine Erbschaftssteuer allerdings erst bei den obersten 2 % an.
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Heißt erste Schlussfolgerung: Die Wahrscheinlichkeit zu den Millionenerb:innen zu gehören bzw. Millionenerb:innen – geschweige denn jede Menge Millionenerb:innen – zu kennen, ist eher gering. Eher wird der Wert des zu erwartenden Erbes massiv überschätzt. Wenn man denn überhaupt was erbt. Weil nämlich selbst „Erben“ schon ein Minderheitenprogramm ist.
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Bislang haben nämlich gerade einmal 40% der Haushalte überhaupt eine Erbschaft bzw. Schenkung gemacht. 60% sind leer ausgegangen. Die kommen nicht einmal theoretisch in die Nähe einer Erbschaftssteuer. Von den Erbenhaushalte haben dabei je nach Vermögensstand (1. Fünftel = 20% ärmste Haushalte, 5. Fünftel = 20% reichste Haushalte) geerbt:
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➡ 1.Fünftel: 33.300 Euro
➡ 2.Fünftel: 29.900 Euro
➡ 3.Fünftel: 105.600 Euro
➡ 4.Fünftel: 175.900 Euro
➡ 5.Fünftel: 435.600 Euro
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Während allerdings im reichsten Fünftel 70% der Haushalte erben – ganz einfach, weil was zum Vererben da ist, sind es in den zwei ärmsten Fünfteln gerade einmal 19 bzw. 22% der Haushalte – weil – erraten – eher weniger bis gar nichts zu vererben da ist. Und was aus den Zahlen ebenfalls abzulesen ist: selbst bei den reichsten 20% der Haushalte ist das durchschnittliche Erbe weit entfernt von jenen 1 Mio. Euro Freibetrag, ab dem überhaupt erst eine Erbschaftssteuer anfällt.
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Damit sind wir bei der zweiten Schlussfolgerung: Tatsächlich müssten realistischerweise gerade einmal 2% der Haushalte eine Erbschaftssteuer zahlen. Das entspricht etwas über 80.000 von über 4 Millionen (!) Haushalten in Österreich. Millionenfache Millionenerben? Weit gefehlt. „Aber das Häuschen meiner Eltern, das ist so viel wert …“ hör ich schon. Zuallererst: Jeder/m der ein Häuschen in Millionenwert erbt kann nur beglückwünscht werden – er gehört zu einer eher seltenen Spezies.
Schauen wir uns halt auch hier wieder die Zahlen aus der HFCS-Erhebung an: Das mittlere Nettovermögen (50% besitzen weniger, 50% besitzen mehr) der reichsten 10% der Bevölkerung liegt laut OeNB bei 1,8 Mio Euro. Der „Hauptwohnsitz“ macht dabei deutlich unter 1 Mio. Euro aus. Wie gesagt – bei den TOP 10 Prozent, das sind die mit den größten, schönsten etc. Häusern und Grundstücken. Bei den nächsten 10 Prozent – auch noch recht wohlhabend – liegt der Wert des Eigenheims schon nur noch bei rund 500.000 Euro. Und sinkt weiter, je weniger wohlhabend der Haushalt ist.
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Diese Grafik aus der HFCS-Erhebung der OeNB veranschaulicht die Zusammensetzung des Nettovermögens der Haushalte. Auffallend: die größten einzelnen Vermögensamteile machen jeweils die Hauptwohnsitze aus. Der Wert liegt allerdings regelmäßig weit unter 1 Mio. Euro – selbst im „Median“ des obersten Dezils. Hier gewinnen dafür Unternehmensbeteiligungen sowie „anderes Sachervermögen“  – wie etwa sonstige Immobilien – an Bedeutung. 
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Im Grünen Modell erhöht sich der Freibetrag bei einem selbst bewohnten, Hauptwohnsitz begründenden Erbe um zusätzliche 1,5 Mio. Euro. Die Zahl der von einer Erbschaftssteuer betroffenen reduziert sich damit weiter. Und damit wohl auch der Bekanntenkreis, den eine Erbschaftssteuer fürs geerbte Haus oder den geerbten Kleingarten knallehart treffen würde. Wen es jetzt noch trifft – ja, der gehört tatsächlich zu den Reich(st)en. Und von dem ist ein entsprechend fairer Beitrag zu entrichten.
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Zusammengefasst: Nein, Österreich ist nicht das Land der Millionenerb:innen. die Zahlen sind da eindeutig. Wer wirklich Millionen erbt gehört zu einer äußerst kleinen Gruppe von Menschen. Die Mehrheit der Bevölkerung wird überhaupt nie Beträge erben die auch nur in die Nähe der Millionen-Freigrenze kommen. Das grüne Modell trifft die TOP-2% reichste Haushalte. Eben die Superreichen. Und genau dafür ist es auch gedacht.
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PS: Die Petition für einen fairen Beitrag der Superreichen kann übrigens immer noch unterschrieben werden: https://gruene.at/superreichebesteuern/