#Mattle und die Pensionen: Profunde Unkenntnis

Bei manchen Debattenbeiträgen zum Thema Pensionen – wie etwa dem aktuellen des Tiroler VP-Landeshauptmann Mattle – stellt sich die schlichte Frage: Warum? Wie kommt man ernsthaft auf die Idee, derartige Vorschläge zu machen, wie aktuell LH Mattle? Vorschläge, die einen sachlich derart „blank“ dastehen lassen, dass es wirklich unangenehm ist …

Mattle will den Pensionsantritt künftig an 45 Arbeitsjahre – sprich Beitragsjahre – koppeln. Wer früher zu arbeiten beginnt, kann früher in Pension gehen, wer später zu arbeiten beginnt eben erst später. Ausnahmen kann sich Mattle bei Kinderbetreuung vorstellen, Kinderbetreuungszeiten würde Mattle durchaus als Arbeitsjahre gelten lassen.

Auf eine derartige Idee – Pensionsantritt erst nach 45 Arbeitsjahren – kann eigentlich nur kommen, wer die Realität nicht kennt, bzw. es für gänzlich überflüssig hält, auch nur einigermaßen faktenbasierte Vorschläge zu machen. Wie sieht die Realität aus:

    • 2025 brachten es Frauen, die in Pension gingen, auf durchschnittlich 31 Arbeits-, also Beitragsjahre*.
    • Männer sind 2025 nach durchschnittlich 37,6 Arbeitsjahren* in Pension gegangen.

Das heißt: Die von Mattle angestrebten 45 Beitragsjahre werden sowohl von Männern – aber insbesondere von Frauen – bei Pensionsantritt klar verfehlt. Oder anders gesagt: 77 % der Männer aber praktisch alle Frauen würden – bei Umsetzung von Mattles Vorschlägen – ihren Pensionsanspruch ab 65 verlieren. Könnten also nicht mit 65 in Pension gehen.

Um in Pension gehen zu können müssten

    • Männer um durchschnittlich 7,4 Jahre länger arbeiten – und bei aktuellen Erwerbsverläufen damit erst mit 70,8 Jahren die Pension antreten können.
    • Frauen sogar um 14 Jahre länger, aktuell bis 75 arbeiten müssen.

Das hat Mattle natürlich nicht dazugesagt. Vermutlich weil er nicht einmal weiß, was sein Vorschlag real bedeutet: Eine massive Anhebung des Pensionsantrittsalters. Oder massive – um nicht zu sagen massivste – Pensions-Verluste bei einem Pensionsantritt mit 65 bedeuten, die – ja nachdem was als „Arbeitsjahre“ berücksichtigt wird – sich zwischen rund 200 und 530 Euro monatlich bewegen.

Denn: Nicht berücksichtigt sind bei Mattle Versicherungszeiten wie Präsenz- oder Zivildienst, Arbeitslosigkeit, lange Krankenstände, Pflegekarenz etc. Um diese Zeiten würden Betroffene schlicht umfallen. Menschen in prekären und/oder krank machenden Arbeitsverhältnissen wären im Mattle-Modell zusätzlich hart getroffen. Ebenso Menschen mit längeren Bildungswegen.

Berücksichtigen will Mattle durchaus Kinderbetreuungszeiten. Aber auch die würden nur wenig ändern: Aktuell sind bei der Langzeitversicherungsregelung etwa maximal 5 Jahre Kinderbetreuung anrechenbar. Umgelegt auf Mattles Vorschlag würden Frauen mit Kindern dann immer noch 9 Jahre länger – länger als Männer – arbeiten müssen und könnten erst mit 70 in Pension gehen.

Insgesamt laufen die – vorsichtig formuliert – nur wenig durchdachten und unausgegorenen Vorschläge Mattles auf eine massive Anhebung des Pensionsantrittsalters und/oder massive Pensionskürzungen hinaus, fernab aller Lebens- und Arbeitsrealität. Kürzungen, die besonders Frauen treffen würden und obendrein bildungsfeindlich sind. Von der Wahrscheinlichkeit jenseits der 60 großartige und dem Alter gerechte Jobchancen vorzufinden die ein Arbeiten bis 70 überhaupt erlauben. Ein noch stärkerer Anstieg der Altersarbeitslosigkeit wäre vorprogrammiert.

Stellt sich die Frage von Beginn: Wie kann man ernsthaft derartige Vorschläge machen? War sich Mattle der Auswirkungen seiner Vorschläge auf Betroffene bewusst? Will das Mattle tatsächlich? War der Vorstoß mit der Bundes-ÖVP abgesprochen und was sagt die eigentlich dazu? Oder wollte der LH halt einfach auch einmal das „Sommerloch“ für seine ganz persönliche mediale Aufmerksamkeit nutzen? Die hat er bekommen. Allerdings vermutlich nicht so, wie er sie gerne bekommen hätte.

Abschließend: Will man das Pensionssystem nachhaltig sichern braucht es tatsächlich Reformmaßnahmen – die allerdings insbesondere in der Erwerbsphase vor 65 ansetzen müssen um diese besser zu nutzen und zu erhöhen – vom Ausbau von Kinderbetreuungs/bildungs- und Pflegeeinrichtungen bis hin zu einem Bonus-Malus-System für ältere Arbeitnehmer:innen oder eine zielgerichtete Arbeitsmarktpolitik. Mattles Vorschläge sind denkbar ungeeignet.

* Die Beitragsjahre (bei Mattle „Arbeitsjahre“, also Jahre in den Erwerbsarbeit und entsprechende Pensionsbeiträge geleistet wurden)  berechnen sich aus den aktuellen Pensions-Neuzugängen laut Jahresbericht der PVA 2025 (S 133). Demnach betrugen die Pflichtversicherungsmonate („Beitragsmonate“, gelb markiert)  bei Männern die 2025 die Alterspension antraten 452 Monate, bei Frauen 372 Monate. Heruntergerechnet auf „Beitragsjahre“ (Monatszwölftel) ergeben sich für Männer 37,6 Beitragsjahre, für Frauen 31 Beitragsjahre.

Quelle: Jahresbericht der PVA 2025, Statistische Nachweisungen, Pensionen: Neuzugänge, Seite 133